AUF AHNENSUCHE

Gisela Zehm und Christa Deutscher sind seit langem schon ihrer
Familiengeschichte auf der Spur. Beide stammen vom Gründer
der Bad Reichenhaller Philharmoniker ab, von Josef Gung’l. Auch
Solocellistin Barbara Eger hat das Recherchefieber gepackt, seit
sie zufällig in Umzugskartons einen Gung’l-Walzer entdeckte.
Mit den drei Detektivinnen an einem Tisch.

Es türmen sich Unterlagen und Bücher, alte Presseberichte, Notizen, sogar ein Stammbaum, den Gisela Zehm akribisch zusammengetragen hat. Ganz oben: Josef Gung’l und Barbara Cajetana Reichel, verheiratet am 2.2.1840. Gisela Zehm ist ihre Ururenkelin. Ihr gegenüber sitzt Christa Deutscher, die Urenkelin. Die dritte im Bunde: Barbara Eger. Sie blättert in einem gerade erschienenen Buch: „Unternehmerorchester und ihre Reisen“ von Regina Fröhlich. Es hat 340 Seiten und die Cellistin hat es verschlungen. Josef Gung’l und seine Lebensgeschichte haben es ihr angetan. Vor zwei Jahren fand sie durch Zufall in einem Karton einen Gung’l-Walzer, „Erinnerungen an Reichenhall“. Das Stück wirft seitdem viele Fragen auf. Keiner weiß, aus welchem Jahr es stammt und ob und wo es Gung’l jemals selbst dirigiert hat. Es trägt die Werknummer „op. 396“. Gung’ls offizielles Werkverzeichnis endet aber mit der 395. Barbara Eger forscht seitdem nach, wühlte sich im Stadtarchiv durch diverse Programmhefte und amtliche Fremdenlisten aus der Zeit um 1886. Das ist das Jahr, in dem Gung‘l den Taktstock das letzte Mal geschwungen haben soll, und zwar in Bad Reichenhall. Vielleicht anlässlich eines Besuches bei seiner dritten Tochter Cajetana? Die war mit Gustav Paepke verheiratet – ein Nachfolger Gung’ls bei den Bad Reichenhaller Philharmonikern, 43 Jahre lang. Und Großvater beziehungsweise Urgroßvater von Christa Deutscher und Gisela Zehm. Gut, dass der Stammbaum auf dem Tisch liegt, man kann leicht durcheinanderkommen.

Gisela Zehm und Christa Deutscher

Gung’l war in der weiten Welt zu Hause. In einer Zeit als Reisen noch ein Abendteuer war…

Josef Gung'l

WELTMANN UND UNTERNEHMER

„Gung‘l war in der weiten Welt zu Hause. In einer Zeit als Reisen noch ein Abenteuer war, hat er nicht nur eine große Tournee durch Amerika unternommen, er gastierte unter anderem auch in Berlin, in Wien, München, Stockholm und Sankt Petersburg. „In seinem Gesamtwerk finden sich unzählige Städtewidmungen“, kann Barbara Eger berichten. Gung’l war ein hoch angesehener Musiker und Unternehmer. Schon 1843 gründete er ein eigenes Orchester. Für die Amerikatournee – die Passagierliste liegt noch komplett vor – checkte er mit insgesamt 40 Personen auf dem Dampfschiff „Washington“ ein, neben den Musikern waren noch seine hochschwangere Frau Barbara Cajetana, die siebenjährige Tochter Maria und ein Kindermädchen mit an Bord. Die zweite Tochter Virgina wurde kurz nach der Ankunft in New York geboren. Für alle Kosten der Tournee musste Gung’l selbst aufkommen. Seine Urenkelin Christa Deutscher erinnert sich: „Nach der Hochzeit hat meine Mutter zunächst vier Jahre im Haus der Schwiegereltern gelebt, also bei Gustav Paepke und Cajetana. Dort ist erzählt worden, dass Gung’l oft in Geldschwierigkeiten war. Manchmal habe er Schmuck verkauft, der ihm als Anerkennung geschenkt worden war, und gesagt: ,Jetzt haben wir wieder Geld.‘ Ich glaube, er war sehr zielstrebig aber auch ein Familienmensch, der seine Familie bei seinen Reisen gerne um sich hatte. Seine Töchter haben eine höhere Schule besucht, was zu der Zeit ungewöhnlich war. Meine Großmutter Cajetana war zeitweise mit den Kindern von Cosima Wagner zusammen in der Klasse.“ Gisela Zehms Nachforschungen und alte Briefe Gung’ls, adressiert an seinen Verleger Bote & Bock, bestätigen eine häufig leere Orchesterkasse. „Er hat den Musikverlag beispielsweise um Geld gebeten, wenn er Löhne nicht zahlen konnte, weil das Wetter zu schlecht war

und die Einnahmen aus den Freiluftkonzerten entsprechend gering“, liest sie vor. Zeit seines Lebens litt er unter Geldsorgen, die oftmals auch durch die Umwälzung der politischen Verhältnisse bedingt waren. Vor mehr als 20 Jahren hat Gisela Zehm angefangen, sich mit ihrer Familiengeschichte zu beschäftigen. „Christa ist die weitaus musikalischere und ich bin diejenige, die besser mit dem Computer umgehen kann. Es macht mir Spaß immer neue Details herauszufinden“. Diese Leidenschaft legt auch Barbara Eger an den Tag. „Gung’l hatte eine immense unternehmerische Kraft. Mit der Gründung der Bad Reichenhaller Philharmoniker hat er in kürzester Zeit so viel in Bewegung gesetzt – und das, ohne im Ort wirklich präsent gewesen zu sein. Sein Hauptwohnsitz blieb München. Er war vertraglich lediglich verpflichtet, ein Abendkonzert pro Woche persönlich in Reichenhall zu dirigieren. Es fasziniert mich, dass er sich bei seinem wahrscheinlich letzten Werk ausgerechnet an Reichenhall erinnert hat, wobei das wahrscheinlich keine beruflichen, sondern private Gründe hatte. Nach dem Tod seiner Frau war Gung’l alleinerziehender Vater und hatte ein enges Verhältnis zu seinen Töchtern. Cajetana, die ja mit ihrem Mann Gustav Paepke in Bad Reichenhall lebte, hat er oft besucht.“

MUNTERMACHER

Gerne hätte Christa Deutscher ihren Urgroßvater Josef Gung’l kennengelernt. „Seine Tüchtigkeit beeindruckt mich. Ich habe nicht so viel Ahnung von Musik, aber ich empfinde Musik. Bei einigen Stücken von Tschaikowski werde ich wehmütig, bei Gung’l kriege ich immer gute Laune.“

Ich glaube, er war sehr zielstrebig, aber auch ein Familienmensch, der seine Familie bei seinen Reisen gerne um sich hatte.

Dieser Artikel und viele weitere erschienen in der letzten Ausgabe unseres Orchestermagazins.

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