Interview mit Komponistin Farzia Fallah
Farzia Fallahs Musik beginnt oft dort, wo andere aufhören würden zu hören: im Atem, in Reibungen, in feinsten Klangverschiebungen, in Momenten fast stillstehender Zeit. Die in Teheran geborene und heute in Köln lebende Komponistin für zeitgenössische Neue Musik arbeitet mit Klangfarben und fragilen Spannungen statt mit klassischen Melodien. Im Gespräch erzählt sie von einer Kindheit zwischen Krieg und Kunst, von ihrer Heimat Iran, vom inneren Hören – und davon, wie aus Bildern, Räumen und Erinnerungen Musik wird.
Du bist 1980 in Teheran geboren und aufgewachsen. Wie war deine Kindheit?
Farzia Fallah: Teheran ist eine riesige, laute Metropole, manchmal anstrengend, aber auch voller Leben. Wir haben in einem Mehrfamilienhaus gewohnt, und jeden Nachmittag waren wir mit den Kindern aus der Nachbarschaft zusammen. Das war eine schöne Zeit, obwohl der Iran-Irak-Krieg einen Großteil meiner ganze Kindheit geprägt hat. Mein Vater war Dichter und politisch sehr engagiert, dadurch habe ich früh viel mitbekommen: politische Literatur, Kunst, gesellschaftliche Diskussionen. Er hat uns viel vorgelesen und wir sind zusammen ins Kino gegangen. Wir haben Tarkowski geschaut, ich war acht, perfektes Alter dafür (lacht). Meine Mutter hat als Lehrerin gearbeitet und war streng. Ihr war wichtig, dass wir eine ordentliche Handschrift haben. Und es gab viel Musik bei uns, vor allem traditionelle. Als Teenager habe ich angefangen Klavier zu spielen.
Heimat ist ja nichts Äußerliches, sondern Teil der eigenen Persönlichkeit. Und weil Musik etwas sehr Persönliches ist, fließt das natürlich mit hinein.
Du hast im Iran zunächst Elektronik studiert und parallel dazu Musik.
Geprägt hat mich in dieser Zeit vor allem mein Kompositionslehrer Alireza Mashayekhi. Er hatte in Europa und den USA gearbeitet und ist mit einer klaren Vision in den Iran zurückgekehrt: Er wollte eine lebendige Szene für neue Musik aufbauen und möglichst viele junge Komponistinnen und Komponisten ausbilden. Wenn ich heute auf die jüngere Generation schaue, glaube ich, dass ihm das gelungen ist. Es gibt dort unglaublich viel Bewegung. Immer wieder entdecke ich Namen, die ich selbst noch gar nicht kenne. Dann werde ich neugierig und schaue: Wer ist das? Was macht sie oder er? Das freut mich sehr.
Die Verbindung von Elektronik und Musik wirkt auf den ersten Blick trotzdem eher ungewöhnlich. Wo liegt für dich die Gemeinsamkeit?
So ungewöhnlich, wie es auf den ersten Blick klingt, war es für mich gar nicht. Musik hat sehr viel mit Struktur zu tun, genau wie Mathematik oder Technik. Natürlich erleben wir Musik emotional und körperlich, aber sie hat auch eine sehr präzise innere Architektur. Harmonik, Stimmungssysteme, Mikrotonalität, das sind unglaublich komplexe Welten. Auch die klassische Musik ist voller feinster Strukturen. Die Frage, wie Töne zueinanderstehen, wie sich ein System aufbaut, wie sich Klänge verändern oder verschieben, ist im Grunde nie auserzählt.
Was hat dich nach Deutschland geführt?
Ich wollte weiterstudieren. Deutschland hatte damals – und hat für mich bis heute – eine unglaublich lebendige Szene für zeitgenössische Musik. Die Musikhochschulen sind international, dieser Austausch war mir sehr wichtig. Ich habe mein Studium im Iran abgeschlossen, dann Deutsch gelernt und bin nach Deutschland gekommen.
Wo hat dein Weg hier begonnen?
In Bremen, bei Younghi Pagh-Paan. Sie war die erste Frau mit einer Kompositionsprofessur im deutschsprachigen Raum und eine sehr prägende Lehrerin für mich. Ihr Denken war stark kollektiv geprägt. Es ging nie nur um die einzelne Person, sondern immer auch darum, wie man sich in eine Gruppe einbringt, wie man miteinander arbeitet und denkt. Das hat mich nachhaltig geprägt. Später habe ich mein Studium bei ihrem Nachfolger Jörg Birkenkötter abgeschlossen und danach auch in Köln und Freiburg weiterstudiert.
Spiegelt sich deine Herkunft in deiner Musik?
Unbedingt. Aber vielleicht nicht in dem Sinn, dass ich sagen könnte: Dieses Element ist iranisch, jenes deutsch oder französisch. So funktioniert das für mich nicht. Heimat ist ja nichts Äußerliches, sondern Teil der eigenen Persönlichkeit. Und weil Musik etwas sehr Persönliches ist, fließt das natürlich mit hinein. Ich glaube ganz klar: Wäre ich keine Iranerin, würde meine Musik anders klingen.
Wie blickst du heute auf die Musikszene im Iran?
Bis vor Kurzem war das eine erstaunlich lebendige Szene, mit viel Austausch und vielen jungen Stimmen. Gerade deshalb tut es weh zu sehen, wie viel davon durch die aktuelle Situation wieder zum Stillstand gekommen ist.
Deine Familie lebt noch im Iran. Die aktuelle Situation muss für dich sehr belastend sein.
Ja, es ist eine sehr schwierige Zeit.
Hier in Deutschland entsteht oft ein sehr eindeutiges Bild vom Iran, gerade wenn es um Frauenrechte oder politische Repression geht. Was fehlt dir in diesem Blick?
Natürlich gibt es im Iran Einschränkungen, und wir haben sehr viel dafür gekämpft, Dinge zu verändern. Die Bewegung Frau, Leben, Freiheit nach dem Tod von Jina Mahsa Amini war ein wichtiger Einschnitt in der iranischen Geschichte. Dafür haben viele Menschen einen hohen Preis bezahlt. Ich selbst kämpfe mein ganzes Leben gegen diese repressive Regierung. Aber ich bin genauso gegen jede Form von Angriff von außen. Denn am Ende trifft das die Menschen. Wirtschaftlicher Druck, Krieg, Zerstörung. All das nimmt einer Gesellschaft auch die Kraft, von innen heraus Widerstand zu leisten.
Das Bild, das hier vom Iran gezeigt wird, ist oft nur einseitig. Man sieht fast immer nur schwarz gekleidete Frauen, Unterdrückung, Dunkelheit. Aber das ist nur ein Teil dieser Gesellschaft. Es gibt auch unglaublich viele starke, aktive Frauen. Meine ältere Schwester ist Professorin in einem technischen Bereich, meine Mutter war Lehrerin, die Schwester meines Mannes hat eine eigene Akademie aufgebaut. Jede Gesellschaft hat Licht und Schatten.
Räume haben für mich Atmosphäre, Akustik, eine eigene Stimmung. Musik lebt stark von Räumlichkeit. Je nachdem, wo man ein Stück hört, wirkt es ganz anders.
Lass uns über das Stück sprechen, das im Oktober in Bad Reichenhall gespielt wird: windows letting in strange lights. Wie entsteht so etwas? Wo beginnt für dich ein Stück?
Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal beginnt ein Stück mit einem Klang. Dann gibt es noch keinen Titel, kein konkretes außermusikalisches Thema, nur diesen einen Klang, den ich faszinierend finde und mit dem ich arbeiten möchte. Manchmal ist es genau andersherum: Dann steht ein Titel oder ein Gedanke am Anfang, den ich in Musik übersetzen will. Bei diesem Stück war es eine Mischung. Ich hatte den Anfang des Stückes im Ohr, eine Vorstellung von seiner Dramaturgie, aber gleichzeitig auch sehr konkrete Bilder. Der Titel windows letting in strange lights geht auf Virginia Woolf zurück, auf A Sketch of the Past, einen Text über Kindheitserinnerungen, der mich lange begleitet hat. Gleichzeitig hatte ich eigene Bilder im Kopf: große Räume, unterschiedliche Lichtstimmungen, Fenster, Innen- und Außenwelten. Ich mag große Räume sehr. Räume haben für mich Atmosphäre, Akustik, eine eigene Stimmung. Musik lebt stark von Räumlichkeit. Je nachdem, wo man ein Stück hört, wirkt es ganz anders.
Diese Bilder von Räumen, woher kamen die?
Ganz unterschiedlich. Da waren zum einen Räume, die ich aus dem Iran kenne: ältere Architektur mit besonderen, farbigen Fenstern, die durch das Licht einen ganz eigenen Innenraum entstehen lassen. Aber ich dachte auch an Räume hier, etwa Kirchen mit Bleiglasfenstern, in denen Licht und Atmosphäre den Raum völlig verändern. Mich interessiert dieses Spannungsfeld: Räume ohne Licht, im schlimmsten Fall ein Gefängnis ohne Fenster und auf der anderen Seite große, offene Räume, die durch Licht, Architektur und ihre Atmosphäre zu Begegnungsorten werden. Diese Gegensätze waren in diesem Stück sehr präsent.
Kannst du Musik tatsächlich innerlich hören, bevor sie existiert?
Ja, wobei das schwer zu beschreiben ist. Es ist nicht so, dass ich jede einzelne Sekunde eines Stückes schon vollständig höre, bevor ich sie schreibe. Aber ich habe eine Vorstellung von einer Gesamtheit, von einer Klangwelt, einer Dramaturgie. Bei windows letting in strange lights war das so. Alles ist zusammengewachsen.
Wie ist es für dich, wenn deine Musik zum ersten Mal von anderen gespielt wird?
Mit dem letzten Doppelstrich ist ein Stück nicht einfach fertig. Dann beginnt eigentlich eine neue Phase. In den Proben zeigt sich erst, wie ein Stück wirklich atmet, wie Klänge entstehen, wie Musikerinnen und Musiker miteinander in diese Welt finden. Diese Zusammenarbeit bedeutet mir sehr viel. Musik lebt von Menschen, davon, wie sie gespielt, gehört und weitergetragen wird.
Und in Bad Reichenhall ist es fast eine besondere Situation, oder?
Ja, eigentlich schon. Die Uraufführung ist leider anders gelaufen als geplant, weil ganz kurzfristig der Klarinettist krank geworden ist und kein Ersatz gefunden werden konnte. Das Stück wurde deshalb ohne Klarinette gespielt. In diesem Sinne fühlt sich die Aufführung in Bad Reichenhall für mich tatsächlich fast wie eine zweite Uraufführung an. Ich freue mich sehr darauf.
Wir freuen uns, die erste vollständige Aufführung von windows letting in strange lights mit Farzia Fallah beim Abo #6 am 30.10.2026 zu geben.
Dieser Artikel und viele weitere erschienen in der letzten Ausgabe unseres Orchestermagazins.
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